Auf Wanderschaft

Auf Wanderschaft — wie Zugvögel ihren Weg finden

Diesen Titel trägt mein Feature für RadioWissen, das der Bayrische Rundfunk eigentlich diesen Freitag, den 3.4. ausstrahlen sollte — bis alles anders wurde und der Sender sein Programm der aktuellen Lage anpasste. Verständlich, aber in diesem Fall besonders schade, machen uns doch Vögel und andere wandernde Tiere vor, was wir Menschen derzeit nicht können: Reisen, Wandern, lange Distanzen zurücklegen, auf Arbeitssuche durch halb Europa zu Feldern und Baustellen ziehen. Aus Afrika in’s sichere Europa fliehen.

In diesen Tagen bin ich wie viele andere in meiner Wohnung festgebannt, sehe Landkarten auf Bildschirmen, begutachte täglich die Weltkarte der Johns Hopkins Universität mit den roten Kreisen, die sich immer weiter ausbreiten und schon ganz Europa verdecken. Die meisten Menschen weltweit befinden sich im Radius eines solchen Kreises und kommen nicht raus. In dieser Situation hilft mir das Internet. Denn jetzt sind es die Vögel, in Deutschland vor allem mit Sendern ausgestattete Störche, die stellvertretend für mich die Welt bereisen. 

Verschiedene Webseiten und Blogs helfen mir, ihre Wege nachzuvollziehen, ich bekomme sogar, per email, regelmäßige Nachrichten darüber, wo sich Elfi, Leo und Artgenossen derzeit befinden — das alles dank eines unermüdlichen NABU-Biologen namens Kai-Michael Thomsen den ich nicht persönlich kenne, der aber die Zugrouten seiner Senderstörche für Laien aufbereitet und zusammenfasst. Gustav rastet am Südrand der Karpaten, meldet er mir etwa am 31. März. Den Südrand der Karpaten kenne ich auch und sofort reise ich in meinen Gedanken an all die Orte und zu den Menschen, die ich in Transkarpatien kennengelernt habe. Was macht wohl das Roma-Mädchen Rosa in Poroschkowo, das in unserem Film „Räder für Poroschkowo“ eine wichtige Rolle spielte. Ist sie in ihrem Dorf, in dem einen Zimmer ohne fließendes Wasser, das sie mit ihrer Mutter und sechs Geschwistern teilt? Oder lebt sie auf einer Müllkippe, sortiert Müll und verdient mit den gesammelten Wertstoffen sehr wenig Geld für ihre Familie? Wie geht es Gisela in dem Dorf Schönborn? Sie hat schlimme Beine, nur ein Raum ihres kleinen Hauses ist beheizbar. Wie geht es der bettelarmen alten Frau, mit der ich mich im Herbst letzten Jahres im Zug nach Chop unterhielt und die mir Lieder vorsang? Die Störchin Elfi hat kürzlich das Marmarameer überflogen. Da war ich noch nie, aber wie gerne würde ich einmal dorthin reisen. Google Earth ermöglicht mir zumindest einen virtuellen Rundflug. „Bin sehr froh und erleichtert“ kommentiert auf dem NABU-Blog eine mitfühlende Leserin Elfis gelungene Meerüberquerung.

Selber forschen kann ich mit der wissenschaftlichen Seite „Movebank“ und der App „Animal tracker“, die beide vom Max Planck Institut betrieben werden. Die App verrät mir, dass die Störchin Zozu aus dem Bodensee-Dorf Böhringen in diesem Jahr besonders früh an ihrem Brutplatz eingetroffen ist. Den ganzen Winter hat sie auf einer Müllkippe bei der nordspanischen Stadt Lleida verbracht. Seit Jahren fliegt sie im Herbst von Böhringen nach Lleida und Frühjahr wieder zurück zum selben Nest auf einem ordentlichen Mehrfamilienhaus am Ortsrand. Nur als neugierige Jugendliche überquerte sie ein einziges Mal den Bosporus nach Marokko, überwinterte auch dort an einer Müllkippe und machte im nächsten Sommer einen ausgedehnten Rundflug über Westeuropa. Seitdem hat sich ihr Leben in festen Bahnen eingependelt. Zozu ist ein Gewohnheitstier. Eine Müllsammlerin im Winter, im Frühjahr eine fürsorgliche Storchenmutter. Langweilig? Vielleicht. Aber langlebig. 

Dass Zozu  in Spanien vom Überfluss unserer Konsumgesellschaft lebt, scheint mir unromantisch, vielleicht sogar gefährlich, aber nicht weiter schlimm. Tatsächlich fliegen die über die Westroute ziehenden Störche immer seltener nach Nordafrika weiter, weil es in Spanien Futter in Hülle und Fülle gibt. Und die Population der Westzieher wächst.  Dass Rosa und ihre Geschwister in den Karpaten Müll sammeln, in Zelten hausen, die sicher nur mit einer Wärmetonne beheizt werden, sich weder waschen noch menschlich-hygienisch auf die Toilette gehen können ist eine Katastrophe. Ein menschliches Drama, das sich mitten in Europa abspielt. Ein intelligentes, liebenswertes Mädchen, das kaum lesen und schreiben lernt. Sie wird wahrscheinlich viel zu früh Kinder bekommen. Ein im Elend vorgezeichnetes Leben wie Millionen andere Kinderleben auf unserem Planeten. 

Ich bin abgeschweift: Vom ungebundenen Leben der Zugvögel zu einem Mädchen in den Karpaten, das ich lieb gewonnen habe. Ich schaue auf die Landkarte im Internet, ziehe meinen alten Schulatlas aus dem Regal. Erdkunde fand ich langweilig, aber das Reisen mit dem Finger auf der Landkarte war aufregend. In den 70er Jahren war das meiste für mich unerreichbar weit weg: Die Mongolei! Peru! Der wilde Westen! Lauter Sehnsuchtsorte. Heute fliegen viele Menschen nur zum Spaß rund um den Globus, nicht selten zu lächerlichen Dumpingpreisen. Diese ganze Reisewut ist zur Zeit gebremst, Menschen sind zu Hause auf ihre Fantasie, ihre, vielleicht unerfüllten, Wünsche, ihre Ängste zurückgeworfen.  Auf der Suche nach einem passenden Foto für diesen Text fand ich: Zugvögel, die den Hafen von Preveza in der nordgriechischen Provinz Epirus überfliegen. Genau dort war ich einmal, fällt mir ein, vor langer Zeit. Mit dem Rucksack auf Wanderschaft quer durch Griechenland, einem meiner Sehnsuchtsorte. Zu Fuß und per Autostop. Mit einer einzigen Landkarte auf Papier. Eingetaucht in eine analoge Welt ohne Telefon und Internet. Eine Welt, die sehr weit entfernt scheint.

Einige links zur Verfolgung von besenderten Störchen

https://www.movebank.org/cms/movebank-main

https://blogs.nabu.de/stoerche-auf-reisen/

https://www.storchenhof-loburg.de/satellitentelemetrie.html

Die App Animal Tracker kann man auf sein Smartphone laden und damit live den Weg einzelner Störche, Waldrapps und anderer Vögel verfolgen.


Unter dem Schnee

Unter dem Schnee ist auch bei Kälte einiges los — Tiere schlafen, ruhen, verstecken sich, suchen nach Wärme und Schutz. Hier in Berlin und Brandenburg wird Schnee im Winter immer seltener, auch in anderen Weltregionen, sogar in der Arktis — der Grund ist bekannt. Mein RadioWissen Feature wirft einen genaueren Blick auf die Welt unter der weißen Decke

Unter dem Schnee. Wie Tiere über den Winter kommen

Insekten der Wiese

Die Wiese aus Insektensicht ist eine wundersame Welt mit Riesenpflanzen, Schluchten, geheimen Gängen und bunten, wohlriechenden Verlockungen. Wo Menschen eine zweidimensionale, grüne, im besten Fall buntgesprenkelte Fläche wahrnehmen und sich vor Krabbeltieren mit Picknickdecken schützen, zeigt sich den Insekten ein vielfältiger dreidimensionaler Lebensraum. 

Insekten

Der Zitronenfalter ist im grünen Gras gut getarnt

Tiere des Waldes

Ein Wald ohne Tiere ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wie vielfältig Pflanzen und Tiere zusammenhängen und wer von wem profitiert erforscht mein neues RadioWissen Feature:

Tierische Waldpfleger

Ein solcher alter Baum im Wald ist eine Wohnung für viele Tiere: Spechte, Eulen, Schellenten, Waschbären und allerlei Insekten.

Schwalben

Bei RadioWissen, der täglichen Wissenschaftssendung auf Bayern2, steht als podcast ein neues Kurzfeature von mir, das mir eine Herzensangelegenheit war. Schwalben haben mich meine ganze Kindheit über als Sommergäste an unserem Haus in der Eifel begleitet. Eines Sommers blieben sie aus und kamen nie wieder. Was aus ihnen geworden ist? Wir sollten es nie herausfinden. In dem Feature spreche ich mit vielen Expertinnen und Schwalbenfreunden über die faszinierenden kleinen Vögel und ihre Schwierigkeiten, in der heutigen industriellen Agrarlandschaft zu überleben:

Schwalben

Honig und Eisen

am 13.2.2019 wiederholt Deutschlandfunk Kultur mein Radiofeature:

Honig und Eisen – Reisen in das Kriegsgebiet der Ukraine

Ausgezeichnet mit dem n-ost Reportagepreis 2018

Preisverleihung in Berlin im Juni 2018

Dieses Video bietet einen kleinen Einblick in meine Arbeit an dem Feature:

Honig und Eisen – making of